GALLUS DIABOLI - Der Teufelshahn von Fahland

Ich hatte da im Dezember 2025 diese Idee, ich könnte ja mal einen Heftroman schreiben.
Jetzt weiß ich: Könnte ich mal nicht.

Ich dachte eigentlich immer, ich könne Handlung gut aufblähen, aber beim Schreiben dieser Geschichte scheint mir die Luftpumpe kaputtgegangen zu sein, 20.000 Wörter sind tatsächlich nicht genug für einen Heftroman. 

Herausgekommen ist bei diesem Selbstversuch am Ende ein novellenhafter Text mit  einigen schönen Szenen, einigen üblen Längen, einigen krummen Kniffen und kruden Formulierungen und einer Grundidee, die sich gleich mit weiteren Geschichten aufdrängte.


Die Geschichte trägt den Titel GALLUS DIABOLI und alles dreht sich, wie anhand der (ja, ja, KI-generierten) Abbildung zu erkennen ist, um einen Basilisken.

Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob ich den Text noch einmal in die Mangel nehmen soll, um ihn zu überarbeiten, zweifellos zu kürzen und doch noch etwas damit anzufangen. Oder eben nicht.

Solange ich mir nicht sicher bin, was ich mit dem Text anfangen soll, stelle ich hier einmal den ersten zusammenhängenden Part ein. 

Dann liegt er nicht einfach nutzlos herum, weil man ihn zumindest lesen kann.

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Das fahle Licht der Dämmerung kratzte noch kaum an der Düsternis, als Johann Gottlieb Kramer, Kirchner der Gemeinde zu Fahland, in die Kühle des Morgens hinaustrat.
Abends zuvor hatte ein Bauer aus dem Umland, der Wilhelm Lorber, beim Pfarrer vorgesprochen und eilends gebeten, der Tochter, die schwerkrank an den weißen Frieseln danieder lag, das letzte Sakrament zu geben, damit sie ohne Sünde vor den Herrn treten könne. Kurz nach dem Besuch des Herrn Pfarrer war das Kindlein gestorben.
Sechs Jahre nur war das Mädchen alt geworden. Nicht zum ersten Male fragte sich der Kirchner, weshalb es so oft die Kinder waren, die der Herrgott allzu früh zu sich holte.
Keinen Monat war es her, dass eine ganze Bauernfamilie beim Brand ihres Hofes ums Leben gebracht worden war. Neben dem Vater, der Mutter, dem Knecht und der Magd waren auch ein Mädchen und zwei Jungen dabei in den Flammen umgekommen, die den Kahrshof verschlungen hatten. Die ausgebrannten Ruinen des Gehöfts, die wie schwarze unebene Zähne in die Höhe ragten, konnte man vom Kirchhof aus sehen, wenn man auf die Mauer hinaufstieg und nach Osten blickte.
Der Pfarrer hatte den Kirchner noch vor dem Zubettgehen informiert, dass er am nächsten Tage die Messe für das Kindlein lesen wolle, die Beisetzung solle sogleich im Anschluss erfolgen. Den Sarg hatte der Vater selbst gezimmert, wenn er auch sonst nichts für seine Ursula hatte tun können.
Kramers Nacht war unruhig gewesen. Stets wenn ein Kind zu Tode gekommen war, bereitete es dem Kirchner schlechte Träume, weil es ihm nicht gelingen wollte, er womöglich nicht fromm genug war, den Willen des Herrn in diesen Dingen zu verstehen.
Zwar hatte er überlegt, bereits am Abend dem Totengräber Bescheid zu geben, dass am kommenden Tage ein Grab für ein Kindlein auszuheben sein werde. Doch er wusste, dass der Martin Hosecker früh zu Bette ging und kaum je nach dem Sonnenuntergang noch wach war. Jedenfalls nicht bis zur Mitternacht. Daher hatte er es auf den Morgen verschoben.
Vor Jahresfrist hatte der Totengräber seine Frau, die Ursel, an ein Lungenfieber verloren. Seitdem hatte er sich zurückgezogen von seinen Mitmenschen, gleichwohl er schon früher nicht allzu gesellig gewesen war. Doch nun war er noch schweigsamer, teilnahmslos, mutlos geraten.
Seit dem Brand im Kahrshof war es gar noch ärger geworden. Der Pfarrer hatte den Hosecker in die Pflicht genommen, die Überreste der Toten aus der rauchenden Ruine zu bergen, damit sie bestattet werden konnten. Seither war der Hosecker gar nicht mehr von dieser Welt.
Fast einen Monat schon wanderte der Totengräber des nachts über den Friedhof neben der Kirche. Rastlos. Wie von einer inneren Feder angetrieben. Er sprach mit den Toten, oder mit Gott. Vielleicht auch nur mit sich selbst.
Kramer hatte ihn einmal dort gesehen, nachdem er verstört vom sonoren nächtlichen Gemurmel aus dem Schlaf hochgefahren war. Er war hinausgegangen auf den Gottesacker, um nach dem Rechten zu sehen, und hatte Martin dort zwischen den Gräber umhersteigen sehen. Er hatte ihn angerufen, und als der Hosecker sich zu ihm umwandte, war sein Gesicht eine weiße Totenmaske gewesen, die ihn im Mondlicht anstarrte. Durch ihn hindurch starrte. Ein Geist unter Seinesgleiches.
In der Früh war Kramer unausgeruht aus dem Bette aufgestanden. Er hatte sich rasch angekleidet, das Gesicht und die Hände gewaschen, eine lederne Kappe über den kahlen Schädel gezogen und war in seine Holzschuhe geschlüpft. Dann war er hinaus in den Kirchhof getreten.
Ein Glühen stand über dem Horizont, die Sonne hatte sich noch nicht über den Rand der Nacht erhoben. Es war an der Zeit, den Hosecker zu informieren.
Allein deshalb, weil auch das tote Mädchen Ursula geheißen, wie die verstorbene Frau des Totengräbers, und weil der Kirchner wusste, wie leicht ihm auch heute noch die Tränen kamen, wenn er an sein totes Fräusel dachte, hatte Kramer bis zum Morgen warten wollen.
Seltsam, dachte Kramer, keine Regung hat der Mann mehr für diese Welt, aber seine tote Frau hält sein Herz und seine Seele ganz in ihren kalten Händen.
Er schüttelte den Gedanken weg. Er hatte nie eine Frau gehabt, und kannte auch keine, die ihn hätte haben wollen, mit seinem Buckel und den überlangen Armen. Ich hätte Mönch werden sollen statt Kirchner, dachte er bei sich. Doch dafür war es zu spät.
Der Hosecker wohnte in einer kleinen Kate neben dem Grabfeld. Kramer blickte hinüber und sah dort keinen Lichtschein im Fenster. Daher nahm er an, dass der Totengräber bereits auf dem Friedhof war, und zwischen den Grabstätten irrlichterte.
Immerhin würde Martin dort Gesellschaft haben. Allerlei Ungeziefer, von Mäusen und Ratten über Kaninchen und Maulwürfe bis hin zu Dachsen und Füchsen trieb sich tags und nachts auf dem Gelände herum. Als der Kramer gegenüber dem Pfarrer seine Sorge zum Ausdruck gebracht hatte, der Hosecker könnte durch das nächtliche Herumlaufen die ewige Ruhe der Toten stören, hatte der gelacht. Er erwiderte, dass der Hosecker dadurch eher wohl die ewige Ruhe wiederherstellte, weil er durch seine Anwesenheit diese übrigen ungebetenen Besucher verscheuchte und sie daran hinderte, durch das Untergraben der Särge und das Verzehren der Leichname ihr unchristliches Werk zu tun.
Das Glimmen der Sonne hatte nun den Rand des Horizonts überwunden. Ein güldenes Licht vom Osten her kündete von der baldigen Ankunft des Tages. Kramer wandte seinen Blick dem Friedhof zu und kniff gegen das blendende Licht die Augen zusammen.
Zwischen den Grabsteinen erblickte er eine Gestalt. Genauer konnte er mit seinen noch an die Dunkelheit gewöhnten Augen gegen das Licht der Morgendämmerung nichts erkennen. Doch es konnte sich nur um den Hosecker handeln.
„Heda, Martin!“ rief er den Totengräber an.
Die Gestalt stand reglos inmitten der Gräber.
Kramer erkannte nun, dass sie ihm den Rücken zuwandte. Der rechte Arm war erhoben, die Hand schirmte das Gesicht des Mannes gegen die aufgehende Sonne im Osten ab.
„Martin!“ rief Kramer erneut. Wieder erhielt er keine Antwort.
Ein leises Gefühl der Verärgerung kitzelte ihn. Martin Hosecker war ein frommer Mensch, frömmer wohl als er, und frömmer mitunter noch als der Herr Pfarrer selbst. Jeden Tag kam der Hosecker zur Beichte. Möglicherweise die einzige Gelegenheit am Tage, zu der er noch mit lebenden Menschen sprach. Stets, wenn der Kramer den Pfarrer aus dem Beichtstuhl heraustreten sah und der Martin Hosecker noch darin saß und sein Mea Culpa betete, las der Kirchner im Gesicht des Geistlichen, dass er Sünden gebeichtet bekommen haben musste, die selbst dem heiligen Nazarener nicht als solche in den Sinn gekommen wären.
„Martin, Herrgottnochmal!“ rief der Kramer nun ein drittes Mal, diesmal mit vernehmlichem Ärger in der Stimme. Da er zudem gegen das zweite Gebot verstieß, sollte ihm die Aufmerksamkeit des Totengräbers nun zweifellos sicher sein.
Doch weiterhin regte die Gestalt sich nicht. Nicht um ein Haarbreit.
Etwas stimmte nicht.
Entschlossen ging Kramer auf die Pforte der niedrigen Mauer zum Friedhof zu und öffnete sie. Er trat hindurch, schloss die Pforte hinter sich, und ging vorsichtig voran, auf die Gestalt zu.
„Martin.“ Der vierte Versuch war weniger fordernd, eher ein sorgenvolles Flüstern. Was mochte nur in den guten Mann gefahren sein, dass er dort stand, als habe er Sodoms Zerstörung geschaut.
Hosecker trug seine etwas abgewetzte Kleidung, die er selbst flickte. Die Arbeit als Totengräber war hart, und hinterließ Spuren. Kramer sah, dass das Gesicht des Mannes bleich in der Morgensonne leuchtete.
Er berührte ihn vorsichtig an der Schulter und erschauderte, als seine Finger auf hartes, unnachgiebiges Fleisch trafen. Hoseckers Hände waren stets braun von der dunklen Erde, in der er arbeitete. Doch die Rechte, die er gegen das Sonnenlicht erhoben hatte, war aschgrau.
Ein eisiges Schaudern erfasste den Kirchner.
„In Gottes Namen, Martin!“ hauchte Kramer mit bebender Stimme ein letztes Mal und trat an vollends an den Schweigsamen heran. Da erst verstand er, weshalb der Totengräber ihm nicht geantwortet hatte.
Er war ganz und gar zu Stein erstarrt.
In der Ferne begrüßte ein Hahn mit heiserem Schrei den neuen Tag.

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PS: Ja, hier habe ich auch wieder den vâland als Fahland eingebracht. Ich schrieb doch, ich sei davon besessen.

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