Zwielicht 22 - Schnelldurchlauf
Ich hatte da noch so eine Geschichte, von der ich fand, andere sollten sie doch auch mal lesen, und daher suchte ich nach Veröffentlichungsmöglichkeiten.
Dabei stieß ich mehr zufällig auf das Horror-Magazin ZWIELICHT (herausgegeben von Michael Schmidt und Achim Hildebrand), das es seit 2009 immerhin schon auf 22 Ausgaben gebracht hatte. Dass ich bislang nichts davon wusste, lag also unzweifelhaft an mir.
Weil es sich nun einmal so schickt, beschaffte ich mir die neueste Schnaps-Ausgabe (22) und las in sie hinein, ehe ich meine Geschichte für eine künftige Ausgabe zu unterbreiten wagte.
Immerhin merkte ich bald, dass meine Geschichte möglicherweise ganz gut passen würde. Und ich war beeindruckt von der Güte der Geschichten - natürlich packten mich nicht alle Texte in gleicher Weise, aber insgesamt bot diese Ausgabe einige wirklich intensive und gut erzählte Stories.
Ich nehme dies Leseerlebnis nun zum Anlass, meine subjektiven Eindrücke wiederzugeben.
Maximilian Wust - Tränen, Wasser und Muttermilch
Was für ein Opener! Die vermeintlich längste Geschichte in diesem Band (ich habe das allerdings nicht überprüft), aber effizient erzählt und zu keinem Zeitpunkt langweilig. Die Hauptfigur des preußischen (?) Hexenjägers Abelard, der selbst kein Kind von Skrupeln oder Traurigkeit ist, hat mich regelrecht eingesaugt. Originell auf jeder Seite, und mit einem wirklich kreativen Schluss. Ich war und bin absolut beeindruckt. Die Story wurde verdientermaßen als beste Kurzgeschichte für den Vincent Preis 2025 nominiert.
Carolin Lüders - Der Renner
Für mich war hier Nomen leider nicht ganz Omen, den Renner fand ich diese Story nicht, vielleicht aber auch deshalb, weil mich die vorangegangene Geschichte so dermaßen abgeholt hat. Die Grundidee hier ist tadellos, aber mir war irgendwie früh klar, wo der Hase, bzw. der Geschäftsführer der Firma Laufer langlief, und darum zog sich dieser Eintrag für meinen Geschmack leider etwas.
R.B. Russell - Loup-garou
Eine übersetzte Geschichte, aber auch ein wirklich faszinierendes Stück, das Wahrnehmung und Wirklichkeit sehr kreativ und subtil ineinander verschiebt und mit einer üblen Vorahnung endet. Ich fühlte mich stellenweise an Christopher Priest erinnert. Auch der Cineast in mir ging nicht leer aus, das hier war zweifellos der zweite Kracher im Band. Ergänzt wird die Geschichte durch einige einordnende Informationen zum Autor und seiner Stellung im Genre selbst, die der übersetzt habende Jo Piccol zusammengetragen hat.
Corina Marin - Das größte Opfer
Diese Geschichte wiederum war mir ein wenig zu ... naja, zu was eigentlich? Der Stil war nicht so meiner, irgendwie klamaukig, aber wohl nicht unbedingt so gemeint, auch die Figuren waren mir zu scherenschnittartig, und die Conclusio nicht ganz überzeugend. Fand ich.
Uwe Durst - Das Tagebuch des Jean-Baptiste Ouvigny
Eine Tagebuchgeschichte, hurra, und was für eine! Die nächste Granate wird gezündet. Auch hier verdreht Wahrnehmung die Wirklichkeit bis zum Anschlag, das Lesen wird zum Puzzlespiel, mich wehte (nicht nur wegen des Sujets an der See) ein Hauch Lovecraft an. Am Ende nicht wirklich greifbar, was hier geschieht, aber das macht den irren Reiz aus. Der Text hat bei mir gekonnt ein mulmiges Gefühl erzeugt.
D.P. Watt - Eins ist weniger als oder gleich nichts
Diese Geschichte ist wieder etwas berechenbarer und leiser, aber dennoch effektiv. Auch wenn es hier anders läuft, ich hatte "The Incredible Shrinking Man"-Vibes. Nicht herausragend, aber gut.
Peter Schünemann - Der Weiße Mann
Unauffällig, aber trotzdem lesenswert. Eine moderne Gespenstergeschichte. Ohne richtiges Gespenst, aber eben mit einem Weißen Mann.
Philipp Nowotny - Lacrimosa
Umziehen ist der Horror! Auch in dieser Geschichte, in der sich auch nach dem Einzug in ein altes Mietshaus einiges Unheimliches tut. Zwar war recht früh klar, dass das nicht gut ausgehen kann für (ich glaube jedenfalls) die Ich-erzählende Protagonistin, aber die Ausführung ist wirklich gut, sehr schön gemacht!
M.H. Steinmetz - Rapture
Body Horror! Aber nicht so meins. Vielleicht weil mich weder mit H.R. Giger noch mit Debbie Harry viel verbindet. Aber dennoch beeindruckende Bilder, man möchte sich die Hände waschen nach dem Lesen. Aber das ist zweifellos Geschmackssache, denn diese Story wurde immerhin als zweite aus dieser Zwielicht-Ausgabe als beste Kurzgeschichte für den Vincent Preis 2025 nominiert.
Uwe Voehl - Im Paternoster
Nach den zuvor vergossenen Körperflüssigkeiten hier nun eine wieder klassischere Gespenstergeschichte. "Solide" fällt mir dazu ein. Nichts außerordentlich Spektakuläres, aber es gibt auch nichts daran zu mäkeln.
Juliane Seidel - Was du im Dunkeln nicht siehst
Eine Story von der Straße - für meinen Geschmack etwas zu lang geraten, aber dennoch interessant erzählt und sich allmählich entwickelnd. Kategorien von Gut und Böse verschwimmen hier durch den Filter der Gruppe der Obdachlosen, die mit der Gesellschaft und derlei Kategorien längst gebrochen haben.
Moritz Boltz - Der Kreisel
Eine interessante kurze Geschichte, die sich an der Idee des ewig drehenden Inception-Kreisels bedient und auf zwei Zeitebenen 66 Jahre überspannt. Kein Nailbiter, auch nicht wirklich Horror, aber lesenswert.
Erik Hauser - Die Flucht der Saugroboter
Über Geschmack kann man nicht streiten, über Humor auch nicht. Diese augenzwinkernd und für meine Geschmack etwas aufgesetzt erzählte Geschichte über eine Verschwörung von Haushaltsgeräten fährt aber leider winkend an meinem Humorzentrum vorbei.
Robert F. Young - Septemberwind
Eine weitere Übersetzung und gesellschaftliche SciFi-Dystopie, und obwohl die Sprache etwas altbacken klingt, ist die Story originell und ein ganzes Stück weit sogar aktuell - auch wenn sie aus dem Jahr 1957 stammt.
A.M. Stein - Der beleibte Brautwerber und das Spukzimmer
Leider wieder Humor, der klingelt, wenn ich nicht zu Hause bin. Diese klassische Spukgeschichte, die aus einem Streich in einem Spukzimmer plötzlich Ernst werden lässt, ist für meine Begriffe nicht ganz gut gealtert, bei aller Mühe, die sich Reinhard Klein-Arendt bei der Übersetzung gegeben hat. Gelesen und wieder vergessen.
Andrea Tillmanns - Halloween: A Samhain Pinball Adventure
Hier schwante mir leider sehr früh, wohin die Reise geht. Leider, weil die Story an sich sehr lesenswert ist, und sie gewinnt den Preis für die meisten Fußnoten, weil bei dieser Geschichte über den Bau eines Flipper-Automaten tief in die Fachjargon-Trickkiste gegriffen wird - neben der (trotz meiner Hellseherei) unterhaltsamen Story gibt es also auch noch was zu Lernen!
Adrian von Schwamen - Lilith
Der Autor, der auch die Innenillustrationen in ZWIELICHT 22 besorgt hat, liefert außerdem eine solide unheimliche Geschichte ab, in der eine junge Frau und Künstlerin eine Holzgliederpuppe als Schutzengel findet. Einzig die aus meiner Sicht nicht ganz glaubwürdige Hauptfigur, die sich auch mich nicht ganz überzeugenden Gründen von ihrem schablonenhaft arschigen Partner zu viel bieten lässt, hat mich ein wenig rausgerissen.
Mae Ludwig - Cryptococcus neoformans
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