1 Haufen Steine

Als ich Kind war, war ich - wie unweigerlich viele andere Kinder damals und auch heute noch - Steinen sehr zugetan. Jeder Spaziergang endete mit einer Sammlung von Steinen in der Jackentasche. Im Urlaub brachte ich vom Strand Muscheln und natürlich Steine mit, mitunter auch Glasscherben, die von der unermüdlichen Reibung des Sandes in der Dünung blindgeschliffen und ihrer scharfen Kanten beraubt worden waren.

Die Eltern fanden es zum Haareraufen, vor allem wenn die Steine in der Wäsche landeten. Aber mir waren meine "Teine" alles.

Was mich zu ihnen zog, war ihr Schillern, ihre feste Form, die aber je nachdem, wie das Licht auf sie fiel, ob sie trocken oder nass waren, wie man sie drehte und wendete, in aller beharrlichen Unverwandelbarkeit stets neu aussahen, ihr Farben und Formen zu ändern schienen, ihre Geheimnisse offenbarten

Auf der Toilette des elterlichen Haushalts war der Boden mit Steinkacheln gelegt, die zufällige Muster besaßen. Ich konnte Äonen auf dem Klo zubringen, weil mir diese Kacheln stets neue Formen vorstellten, ich sie mir vorstellte, vielleicht auch beides. Sie waren magisch, sie zeigten Ritter und Riesen, Schlösser und Canyons, Geister und geheime Schriftzeichen.

Bunter Rheinkies auf Gehwegen ist eine nackte Freude, Steine sind besser als Briefmarken, jeder ist ein Unikat, jeder hat eine Geschichte, und am Ende ist er doch bloß ein Stein.

Als ich begann, Geschichten zu schreiben, war es, als wenn ich ein Bild aus Steinen legte. Manchmal nahm ich einen der "Steine" während des Erfindens oder Schreibens neu auf, um festzustellen, dass in diesem oder jenem Licht, in der oder einer anderen Position noch etwas ganz anderes darin schlummerte als man zu anfangs gesehen hat.

Wenn ich schreibe, lege ich ein Bild aus Steinen, ich suche mir die passenden Steine aus, lege andere beiseite, für ein andermal, eine andere Geschichte vielleicht, der eine passt, der andere nicht, ich suche, ich finde, ich habe den Kopf voller "Teine".

Und lustigerweise, wenn man heuer im Internet nach dem Namen dieses Blogs sucht, dann findet man den eher nicht, aber man stößt auf so genannte "Lesesteinhaufen". Das sind Steinhaufen, die von Landwirten über Jahrhunderte beim Pflügen aus dem Boden geholt und zum Feldrand getragen wurden, damit sie den Pflug nicht beschädigen können. Es hat also weniger mit "Lesen" als mit "Auflesen" zu tun, aber trotzdem ein schöner Zufall. 

Steine überall.
Und darum heißt dieses Blog so: 
1 Haufen Steine

Sebastian Weber

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